Gedenkrede von Daniel Behmenburg zur Kranzniederlegung auf dem Bergfriedhof am 27. Juli (Fischlaker Schützen- und Dorffest 2018)

– es gilt das gesprochene Wort –

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder,

Ich fühle mich geehrt, hier und heute die Gedenkrede halten zu dürfen. Doch warum stehen wir überhaupt hier? Warum gehen wir nicht einfach feiern? Das Festzelt ist aufgebaut, die Getränke sind gekühlt und die Musik steht bereit.

Wir stehen hier, weil alles was wir tun, nicht allein dem Selbstzweck dient. Wir stehen hier, weil wir uns auch im ausgelassenen Festtrubel der Tradition verpflichtet fühlen. Und Tradition heißt auch, bedächtig den Blick zurück zu richten, um mit der Botschaft der Geschichte unseren Weg in die Zukunft zu bestreiten.

Wir stehen hier heute zum Gedenken an diejenigen, die nicht mehr mit uns feiern können. Wir stehen hier heute, um Ihnen zuzuhören. Wir stehen hier, um die Erinnerung an sie lebendig zu halten.

Doch was haben Sie uns zu sagen?

Auf 39 Friedhöfen in Essen ruhen beinahe zehntausend Tote aus beiden Weltkriegen. Alle diese Namen verbindet die Tatsache, dass sie eines gewaltsamen Todes gestorben sind – sei es als Soldat, als Zivilist, als Verschleppter oder als politisch oder rassisch Verfolgter. Wir stehen hier heute, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Im Gräbergesetz, welches die Erhaltung der Kriegsgräber regelt, heißt es:

„Dieses Gesetz dient dazu, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung wach zu halten, welche schrecklichen Folgen Krieg und Gewaltherrschaft haben.“

Die zukünftigen Generationen, das sind WIR. Die wenigsten haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Zum Glück. Aber können wir die „schrecklichen Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft“ überhaupt noch einschätzen? Wenn ich mich in der Welt umschaue, bin ich mir nicht mehr sicher.

Die Kriege und Konflikte andernorts wirken sich auch immer mehr auf Europa und auf Deutschland aus. Spätestens mit den Flüchtlingsströmen im Jahr 2015 hat diese weltpolitische Lage auch uns erreicht. Und sie hat uns verändert. Viele sind verunsichert, Viele haben Angst, für Viele war dieses das Ventil um eine lange aufgestaute Unzufriedenheit zu artikulieren.

Auch in Europa herrscht nicht mehr ausnahmslos Frieden, auch in der EU gibt es Spannungen. Die Eurokrise ist noch lange nicht ausgestanden. Mit den Briten hat ein wichtiger Partner und Freund die Europäische Union verlassen. Wir reden wieder vermehrt über Grenzen, Mauern und Zäune. Und Europa wird nicht mehr von allen als Friedensunion wahrgenommen.

Da ich auch als politischer Vertreter hier stehe, muss ich selbstkritisch eingestehen: Es fehlt einfach vielfach der Weitblick, es wird zu viel taktisch für den kurzfristigen Erfolg und zu wenig verantwortungsvoll in die Zukunft gedacht.

Eng verknüpft hiermit sind die „Werte“. Es stimmt, dass diese dem Zeitgeist unterliegen. Es gab für die Schöpfer unseres Grundgesetzes vor dem Eindruck des Krieges jedoch Werte, die unverrückbar waren: die Würde des Menschen, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, die Freiheit der Person, die Entfaltung der Persönlichkeit, die Religions- und die Meinungsfreiheit. Jede Generation muss diese Werte in ihre eigene Zeit übersetzen und mit Leben füllen.

In diesem Zusammenhang fällt mir das Zitat von Willy Brandt aus seinem Grußwort an die Sozialistische Internationale ein:

„Unsere Zeit allerdings steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten – zum Guten und zum Bösen. Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt euch auf eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Wir stehen hier heute in einer Welt, die ein wenig aus der Bahn geraten ist. Eine Welt, die instabiler geworden ist, in der alte Gewissheiten in Frage gestellt werden. Viele Menschen sind verunsichert und misstrauen der Politik. Ein größer werdender Teil der Menschen verleiht diesem Unmut dadurch Ausdruck, dass er Parteien folgt, die unsere Grundwerte und unsere Rechtsordnung in Frage stellen. Das wiederum verunsichert andere Teile unserer Gesellschaft. Die Folge ist ein Auseinanderdriften der Menschen in unserem Land. Wir sind noch weit davon entfernt, dass aus Nachbarn Feinde werden, aber wir müssen auch den Anfängen wehren.

Extreme Denkweisen und Strömungen können nämlich eben zu den im Gräbergesetz genannten „schrecklichen Folgen von Krieg und Gewalt führen. Das zeigen uns die unzähligen Gräber der Kriegstoten. Auch deshalb stehen wir heute hier. Als Mahnung!

„Was haben sie uns zu sagen?“ fragte ich eingangs. Ich glaube, die Frage muss jeder für sich beantworten. Für mich lautet die Botschaft: Setzen wir uns für den Frieden ein – in unserer Gesellschaft, in unserem Land und zwischen den Ländern unserer Welt. Entziehen wir dem Unfrieden den Nährboden, lassen wir Unfrieden gar nicht erst entstehen. Verhindern wir, dass aus Verwerfungen zwischen Menschen Gräben werden. Nehmen wir uns wieder mehr Zeit, dem anderen zuzuhören und besonnen zu handeln. Haben wir bei alldem auch wieder vermehrt den Mut das zu tun, was wir für richtig halten und nicht das, was der Lauteste von uns erwartet.

Ich will schließen mit einem Zitat aus der Rede von Steve Jobs vor den Studierenden der Stanford Universität:

„Eure Zeit ist beschränkt, also verschwendet sie nicht damit, dass ihr das Leben von jemand anderem lebt. … Lasst nicht den Lärm fremder Meinungen eure eigenen inneren Stimmen ertränken. Und am allerwichtigsten: Habt den Mut, eurem Herzen und eurer Intuition zu folgen. Irgendwie wissen sie, was ihr wirklich werden wollt. Bleibt hungrig! Bleibt tollkühn!“

Ich wünsche uns allen drei friedliche und freundschaftliche Tage in Fischlaken.

Danke für die Aufmerksamkeit.

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